Texte Kunst Barbara Scheuermann

Martina Thalhofers Fotografische Objekte

Barbara J. Scheuermann

 

Wenn angesichts eines Kunstwerkes die Worte fehlen, dann ist dies meist ein gutes Zeichen, ein Ausweis seiner Qualität und Vielschichtigkeit. Martina Thalhofers Fotografien bilden da keine Ausnahme. Das Faszinierende an den geheimnisvollen Bildern der Künstlerin ist, neben ihrer außergewöhnlichen sinnlichen Qualität, ihre Offenheit und ihre Reichhaltigkeit an Bezügen und Assoziationen. Es ist nicht zuletzt auch diese Mehrdeutigkeit, welche die Fotografien zu Aufnahmen aus einem zeitlosen Raum macht, gleichsam zu Bildern aus einem Traum.

Formen gleiten ineinander, lösen sich voneinander und verbinden sich wieder. Besonders bei den Werken, die seriell angelegt sind, ist ein eigener, den Arbeiten innewohnender Rhythmus zu spüren, der die gesamte Komposition strukturiert. Frei vom Bestreben, den Körper als individuellen Ausdruck einzusetzen, führt die konsequente Reduktion des Figurativen auf die Abstraktion zu einem weiten Spektrum an Deutungsmöglichkeiten, die sowohl Assoziationen mit Architektur wecken können als auch an konstruktivistische Strömungen des 20. Jahrhunderts denken lassen. Vage bekannt erscheinen die organischen Formen und geben sich erst allmählich als Teile des menschlichen Körpers zu erkennen, denn Unschärfen und Spiegelungen machen es beinahe unmöglich, die einzelnen Formen zuzuordnen. Die transparente Blässe der Wachshaut schließlich, die als ein fein nuancierter Schleier auf den Bildoberflächen liegt, und die Rätselhaftigkeit der Motive selbst lassen die Fotografien als beinahe mystische Objekte erscheinen.*

In Martina Thalhofers Werken geht es nicht darum, Puzzle aus vertrauten Formen zusammenzusetzen; vielmehr führen Fragmentierung, Konstruktion und Montage zu etwas Neuem, ergeben eine ganz eigene Bildfindung und veranschaulichen, dass das Ganze mehr sein kann – und hier mehr ist – als die Summe seiner Teile. Dabei ist die Wahl des Sujets keinesfalls willkürlich, denn gerade die Spannung zwischen organischer Form und hochentwickelter Technik und die Demontage des Bekannten bis hin zur völligen Auflösung des Figurativen ins Abstrakte machen Martina Thalhofers Fotografien zu Schwellen, über die die Künstlerin die Betrachter einlädt ihr zu folgen – in einen Bereich, in dem Schönheit und ihre Dekonstruktion, Vertrautes und seine Verfremdung und nicht zuletzt die Feier des menschlichen Körpers und seine vollständige Fragmentierung in harmonischster Widersprüchlichkeit koexistieren können.

*“die durch die abstraktion erreichte verfremdung wird durch eine spezielle oberflächentechnik zusätzlich verstärkt. der auf eine trägerplatte kaschierte ausdruck wird mit einem silikonrahmen ummantelt und anschließend mit einer 5mm starken pigmentierten mischung aus verschiedenen wachsen und harzen überzogen. der zusammenstellung des materials und der auswahl der pigmente kommt bei der transparenz und der letztendlichen farbgebung eine zentrale rolle zu, der schärfebreich kann von fotorealistisch bis hin zu einer fast unsichtbaren anmutung des motivs variieren. im laufe der letzten jahre habe ich diese technik entwickelt und die beschichtung nun zu einem völlig glatten einschlussfreien auftrag ausgearbeitet.“ (Martina Thalhofer)